Archäologische Forschung
Vor mittlerweile mehr als zwei Jahren wurde das römisch-germanische Schlachtfeld am Harzhorn, Ldkr. Northeim, entdeckt. In der Zwischenzeit haben umfangreiche Prospektionen und archäologischen Ausgrabungen stattgefunden, die durch das Forschungsförderungsprogramm Pro*Niedersachsen des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur und der Kultur- und Denkmalstiftung des Landkreises Northeim gefördert wurden. Die beteiligten Wissenschaftler können nun ein erstes Bild von dem Geschehen auf dem Harzhorn zeichnen.
Prospektionen
Ausgangspunkt ist dabei die systematische Suche nach Funden mit dem Metalldetektor. Dabei wurde jeder einzelne der bisher insgesamt über 1800 Funde exakt in seiner Lage dokumentiert und eingemessen, so dass ein dichtes Bild vom Umfang des Schlachtfeldes und der Verteilung der Funde entstanden ist. Die Funde häufen sich am Hang und auf dem Bergrücken und treten in mehreren klaren Konzentrationen auf - den Kristallisationspunkten der Kämpfe. Bei den Waffen überwiegen bei weitem Projektile - Katapultbolzen, Speer-, Lanzen- und Pfeilspitzen. Daneben liegen Teile der Rüstung (Ketten- und Schuppenpanzer), des Gürtels, Schuhnägel, Pferdegeschirr, Hufschuhe, Schanzwerkzeug, Zeltheringe, Wagenteile und des persönlichen Besitzes der Soldaten vor. Es ist die Ausstattung eines größeren Heeres, das gut bewaffnet und ausgerüstet mit einem Tross unterwegs war.
Archäologische Ausgrabungen
In mittlerweile drei Grabungskampagnen konnten Ausschnitte des antiken Schlachtfeldes freigelegt und untersucht werden. Dabei wurde deutlich, warum sich am Harzhorn die Metallfunde einer Schlacht über fast zwei Jahrtausende hinweg erhalten konnten. Das Forscherteam stieß auf einen bemerkenswerten Zusammenhang: Funde treten fast ausschließlich in Situationen auf, in denen der anstehende Kalkstzein bis dicht unter unter die Oberfläche reicht: das basische Millieu führte zur z.T. exzellenten Erhaltung der Metallfunde. Die Grabungen zeigen auch, dass die Funde größtenteils heute noch so liegen wie vor 1800 Jahren: die freigelegten Katapultbolzen und Pfeilspitzen stecken z.T. in Felsspalten, in die sie hineingeschossen wurden.
Der aufsehenerregendste Befund der archäologischen Ausgrabungen war jedoch eine zunächst unscheinbare, lehmverfüllte Grube, die im Bereich einer Fundkonzentration am Hang freigelegt werden konnte. Diese Grube war einem Pferd zum Verhängnis geworden: die Lage der Knochen zeigt uns, dass es in der hangaufwärtigen Bewegung in die Grube gestürzt und dort verendet war. Die Radiokarbondatierungen der Knochen belegen den zeitlichen Zusammenhang mit der Schlacht: das erste Opfer der Kämpfe am Harzhorn war gefunden. Ob es sich um ein Last- oder Reittier gehandelt hat, bleibt unklar.
Datierung des Fundplatzes
Neben typologischen Vergleichen der Fundstücke und den Radiokarbondaten - auch das durch Metallsalze durchdrungene und dadurch erhaltene Holz von Katapultbolzen und Speeren wurde datiert - geben die elf gefundenen Münzen hervorragende Hinweise auf den Zeitpunkt der Schlacht. Die jüngsten Münzen wurden unter Kaiser Severus Alexander im Jahr 228 n. Chr. geprägt, die Kämpfe müssen folglich danach stattgefunden haben. Die C14-Daten deuten auf einen Zeitraum zwischen 230 und 240 n. Chr. hin - eine exakte Entsprechung.
Antike Schriftquellen
Genau aus dieser Zeit liegt uns ein Hinweis auf eine römische Militäraktion vor, die in der Forschung bislang häufig angezweifelt wurde. 233 n. Chr. waren die Alamannen - ein großes Kontingent germanischer Krieger - in das römische Reich eingedrungen, hatten in weiten Teilen der hessischen Wetterau große Zerstörungen angerichtet und waren plündernd durch die grenznahen Provinzen gezogen. Der Kaiser Severus Alexander zog als Reaktion ein großes Heer am Rhein zusammen, verlegte sich dann aber doch auf Verhandlungen mit den Germanen. Dies führte zu einem Aufstand der unzufriedenen Soldaten, die den Kaiser töteten und mit Maximinus Thrax einen der Ihren zum ersten Soldatenkaiser ausriefen.
Der antike Schriftsteller Herodian und die Historia Augusta berichten, dass Maximinus Thrax die Erwartungen seiner Soldaten erfüllte und im Jahr 235 wahrscheinlich von Mainz aus tief in germanisches Gebiet eindrang. Wie tief, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. Die Quellen berichten von einem erfolgreichen Feldzug und erwähnen eine große Schlacht, die in einem Moor stattgefunden haben soll.
Auch wenn dies nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, so deutet doch viel darauf hin, dass die Schlacht am Harzhorn mit dieser großangelegten Militäraktion des Maximinus Thrax in Zusammenhang steht. In seinem Aufgebot fanden sich als Hilfstruppen mauretanische Speerschleuderer und Bogenschützen aus den afrikanischen Provinzen - die panzerbrechenden Speerspitzen und die vielen Pfeilspitzen, die am Harzhorn gefunden wurden, sind eine gute Entsprechung.
Interpretation
Was ist aber nun am Harzhorn geschehen? Die Lage des Schlachtfeldes ist bemerkenswert: es handelt sich um die engste Stelle an einer überregionalen Trasse von Norddeutschland in die hessische Senke - und damit in die Provinz Obergermanien: die gleiche Trasse wird noch heute von der Bundesstraße und der Autobahn A7 genutzt. Möglicherweise sperrten germanische Verbände diese Engstelle gegen die römischen Truppen, wobei die nach Norden gerichtete Steilwand des Harzhorns zeigt, dass die Römer aus dieser Richtung kamen und damit wohl auf dem Rückweg waren. Sie versuchten entlang des steil aufragenden Höhenzugs auf einer Strecke von 1000 m an allen vier möglichen - flacheren Stellen, auf die Höhe zu gelangen. Dort wurden Sie in Kämpfe verwickelt, in denen sie ihre überlegenen Katapulte einsetzten. Römische Schuhnägel zeichen wahrscheinlich Marschbewegungen auf.
Eine Reihe von Funden zeigt uns Schicksale einzelner römischer Soldaten. Wem gehörte das Messer mit der kunstvoll verzierten Scheide? Welcher Offizier trug die silberne Fibel und wer den Gürtel mit der Tierkopfapplikation? Weniger wissen wir über die Gegner. Bislang können nur eine Lanzenspitze und einige Pfeilspitzen den Germanen zugewiesen werden.
Es wird ein einschneidendes Erlebnis für die Germanen gewesen sein, in der Heimat gegen die römische Armee kämpfen zu müssen. Die römische Armee ernäherte sich aus dem Land heraus: Plünderung und Brandschatzung der Weiler und kleinen Dörfer begleiteten ihren Zug. Unbekannt war den Germanen der Gegner jedoch nicht: viele Germanen kämpften in römischen Auxiliartruppen, andere waren an den Überfällen in das römische Reich beteiligt. Die germanische Kampfesweise und militärische Organisation hatte sich im Lauf der Zeit der römischen angeglichen, z.T. wurden auf beiden Seiten die gleichen Waffentypen benutzt.
Der römische Feldzug, der am Harzhorn belegt werden kann, blieb eine Episode - vielleicht nicht die einzige. Im Jahr 260 überrennen germanische Einheiten den Limes, und die rechtsrheinischen Gebiete werden in Folge mehr und mehr von Germanen übernommen.
Mit den Funden vom Harzhorn steht die römische Germanienpolitik des dritten Jahrhunderts in einem anderen Licht dar. Bislang war die Forschung überwiegend davon ausgegangen, dass nach der Beendigung des Versuchs der Eroberung Germaniens 16 n. Chr. die Römer nicht mehr massiv in Germanien interveniert haben. Die Harzhornfunde zeigen jedoch eine römische Armee, die auch in den Jahren um 235 n. Chr. ihre Interessen in Germanien noch nachdrücklich militärisch verfolgte.
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Gästeführungen
Ein anschauliches Bild von den Ereignissen des kriegerischen Aufeinandertreffens der römischen und germanischen Kampfverbände um 235 n. Chr. vermitteln seit Mai 2010 regelmäßige Gästeführungen am Originalschauplatz. » mehr
Video
Das Harzhorn
Das sogenannte "Harzhorn" ist der östliche Teil des Vogelberges, einem in Ost-West-Richtung verlaufenden Höhenzug zwischen Bad Gandersheim und Kalefeld. Geografisch weitläufiger eingeordnet gehört dieser Höhenzug zu einer Anhäufung von kleineren Erhebungen am westlichen Rand des Harzes. » mehr
Zitiert
Was sagen Experten und andere Projektbeteiligte zur Bedeutung des Harzhorn-Schlachtfelds? Hier gibt es die Einschätzungen. » mehr
