Nachgefragt

Unzählige spannende Fragen ergeben sich aus dem Sensationsfund „Römerschlacht am Harzhorn“. Eine kleine Auswahl beantwortet Kreisarchäologin Dr. Petra Lönne im Interview.

Frau Dr. Lönne, warum konnten die zahllosen Relikte der Schlacht so lange unentdeckt bleiben?
"Wir haben das große Glück, dass sich die Schlacht auf einem bewaldeten, mit Buchen bestandenen Höhenzug ereignet hat, der bis heute eine eher extensive landwirtschaftliche bzw. forstwirtschaftliche Nutzung erfuhr. Waffen, ­Pioniergeräte, Ausrüstungsgegenstände, Wagenteile etc., die bei dem Kampf im Unterholz verloren gegangen sind, wurden mit einer Humusschicht bedeckt und überdauerten so die Jahrhunderte."

Was können die Römer hier im germanischen Norden gewollt haben?
"Vermutlich wollten die Römer sich an den Germanen rächen. Im Jahre 233 überfielen germanische Krieger den weitgehend von römischen Truppen entblößten Limes im Raum um Mainz, sie verwüsteten das Umland und plünderten zahlreiche Dörfer. Daraufhin sammelte Kaiser Severus Alexander seine Truppen in Mainz, um einen Vergeltungsschlag gegen die Germanen zu führen. Er zog es dann jedoch vor, sich den Frieden mit Geldgeschenken zu erkaufen. Dieses stieß auf wenig Verständnis bei seinen Truppen, worauf Severus Alexander und seine Mutter kurzerhand ermordet und Maximinus Thrax als sogenannter 1. Soldatenkaiser ausgerufen wurde. Unter Maximinus Thrax begaben sich dann im Jahre 235 die römischen Truppen auf einen Vergeltungszug ins tiefe Feindesland."

Wie viele Krieger trafen dort aufeinander?
"Die archäologischen Fundstücke sowie die große Anzahl an Schuhnägeln belegen neben den römischen Legionstruppen auch Auxiliareinheiten, also Hilfstruppen, bestehend aus Bogenschützen und schwerer Kavallerie am Harzhorn. Deshalb können wir von mindestens 1500 bis zu 10 000 Mann ausgehen, zu mal ja auch die Truppen so tief in das Feindesland vorrückten. Aussagen über die Stärke der germanischen Verbände bleiben zurzeit noch weitgehend spekulativ."

Warum stößt die Harzhorn-Schlacht weltweit auf so großes Interesse?
"Erstmals kann der archäologische Beweis erbracht werden, dass die Römer auch über 200 Jahre nach der Varusschlacht im Jahre 9 n. Chr. und den Rachefeldzügen des Germanicus 15/16 n. Chr., die als Schlusspunkte der römischen Expansionspolitik galten, noch so tief nach Germanien eindrangen. Eine kleine Sensation!"

Wie geht es mit dem Harzhorn-Projekt weiter?
"Zurzeit versuchen wir mit Hilfe von Metalldetektoren die Ausdehnung des Schlachtfeldes zu erfassen. Ab Mitte Juli folgen dann weitere archäologische Ausgrabungen, die ganz gezielten Fragestellungen des Schlachtverlaufes nachgehen. Darüber hinaus hoffe ich, dass wir 2011/2012 die Vielzahl der restaurierten Funde der Öffentlichkeit im Rahmen einer Ausstellung präsentieren können."


Interview: D. Rusch     Foto: H. Kölling

English Information

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Gästeführungen

Ein anschauliches Bild von den Ereignissen des kriegerischen Aufeinander­treffens der römischen und germanischen Kampfverbände um 235 n. Chr. vermitteln seit Mai 2010 regelmäßige Gästeführungen am Originalschauplatz. » mehr

Das Harzhorn

Das sogenannte "Harzhorn" ist der östliche Teil des Vogelberges, einem in Ost-West-Richtung verlaufenden Höhenzug zwischen Bad Gandersheim und Kalefeld. Geografisch weitläufiger eingeordnet gehört dieser Höhenzug zu einer Anhäufung von kleineren Erhebungen am westlichen Rand des Harzes. » mehr

Zitiert

Was sagen Experten und andere Projektbeteiligte zur Bedeutung des Harzhorn-Schlachtfelds? Hier gibt es die Einschätzungen. » mehr